TitelAutor
Der FlüchtlingHochwälder Fritz


AkteSzenenBuehnenbildAnz
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Inhalt
Es ist ein eigenartiges Stück, das nur drei Personen zur Handlung benötigt, und das dennoch voll vibrierender Spannung ist. Es geht um politische Dinge — und dennoch wird überall das Menschliche auf-gerührt. In einem Diktaturstaat wird ein junger Mann mit vielen andern zur Arbeit in einem gefürchteten Bergwerk gezwun-gen. Es gelingt ihm, aus dem Eisenbahnzug zu entkommen, doch sind ihm die Häscher auf den Fersen. Er findet Unterschlupf in einem Häuschen. Dass dieses einem Grenzwächter gehört, ahnt er nicht. Der Grenzwächter hat freilich Nachtdienst — und der Flüchtling versteckt sich neben dessen Frau im Bett. Sie wird vom Mitleid mit der geängstigten Kreatur gepackt — und gibt ihn gegenüber seinen Verfolgern als ihren Mann aus. Sie kehren im Haus das Unterste zu oberst, entdecken aber den Flüchtling nicht. Todesangst und Aufregung lassen die beiden alles andere so vergessen, dass sie sich in Liebe finden. Das geht vor, ehe die Handlung einsetzt. Es wird nur aus der Rückschau klar. Wie die Personen gezeichnet sind, wirkt es auch überzeugend und nirgends anstössig. Man fühlt, dass es bei diesen Charakteren nicht anders ausgehen konnte. Die Frau, ein einfacher Mensch, voller Mitgefühl, liebt ihren Mann über alles. Sie will dennoch dem Fremdling einen Fluchtweg zeigen. Ihr Mann aber kommt früher zurück, so dass sie jenen vor ihm verstecken muss. Im Mann lernt man einen Menschen kennen, der politisch weder hüben noch drüben steht, der nur seine Pflicht erfüllen und seine Ruhe haben will. Er entdeckt den Flüchtling. In der erregten Auseinandersetzung mit ihm, erkennt er, was geschehen ist, erkennt aber auch, dass es in unserer Welt nicht ohne klare Entscheidung abgeht; er muss den Flüchtling verhaften, oder seine Stellung, sein Friede, sein Leben sind verwirkt. Er verfällt der Staatsmaschinerie. Er lernt aber den Flüchtling schätzen, er merkt endlich, w e m er dient — und entwirft zuletzt für alle drei einen Fluchtplan. Damit dieser gelingen kann, muss er sich zuletzt selber opfern — und tut es mit der Ueberzeugung: jetzt endlich am rechten Platz zu stehen. Er hat erkannt: Jedes Abseitsstehen ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ein noch grösseres fast als die Mitschuld am diktatorischen Regime. Aus allem Gesagten geht hervor, dass nur ausserordentlich gute Spieler die hier gestellten Aufgaben zu bewältigen vermögen.




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