TitelAutor
Die GeierwallySchweighofer

Seitenzahl
38

SzenenBuehnenbildAnzBuehnenbildArt
02vor Hof, Sennhütte

Inhalt
Im Zentrum des Stückes steht Wally's Traum zu Beginn des zweiten Aktes, in dem sie mit dem Gedanken spielt, selbst eine Salige bzw. eine Gletschertochter zu sein. Eine Frau, unter deren Händen alles zu Eis wird, was sie berührt. Verzweifelt wehrt sie sich dagegen, und klammert sich an ihre Liebe zu Josef, die, wie ihr sofort bewiesen wird, jeder realen Grundlage entbehrt. Der erste Akt zeigt, wie sie zu der geworden ist, als die sie sich in ihrem Traum erlebt: Einem Vater ausgeliefert, der an seiner Auf-gabe, eine Tochter zu erziehen, scheitert; der Widerspruch als Kriegserklärung auffaßt und in Konflikten nur nach dem Prinzip "Tod-oder-Leben" handelt. Vielleicht spürt Strominger sogar, daß er mit seiner Art von Gerechtigkeit Wally Unrecht tut, aber er hat niemanden in seiner Umgebung, der ihm eine Alternative aufzeigen könnte. Er bleibt in seinem Weltbild gefangen und fühlt sich durch den Umstand, daß Wally als Mädchen und nicht als Bub zur Welt kam, von der Natur betrogen. Wally versucht der Lebensordnung, die ihr der Vater setzt, im Übermaß zu entsprechen (Geiernest, Männertest). Weil sie aber damit als Mädchen Männerverhalten demonstriert, konsequenter als jeder Bursch es je tun würde, gerät sie immer stärker in Widerspruch zu ihrer Umwelt, zu ihrem Vater und zu sich selbst. Resl hat als junge Magd, nach dem Tod der leiblichen Mutter, gerne die Mutter-Funktion an Wally übernommen, die Mutter-Rolle blieb ihr allerdings versagt. Vermutlich hat sie sich darum sehr bemüht und zeitweilig auch für Strominger die Ersatz-Ehefrau gespielt, zur Heirat aber war der Bauer, sicher nicht nur wegen des Standesunterschiedes, nie bereit. Klettermeier hat die ganze Geschichte aus nächster Nähe miterlebt, mehr beobachtende Randfigur, denn mitgestaltende Kraft. Er sah kommen, was unweigerlich kommen mußte, und hat, durchaus auch aus Eigennutz, stets versucht, möglichst ungeschoren zwischen den Kampflinien zu überleben. Das ist freilich nicht immer leicht möglich, am wenigsten Vinzenz gegenüber, der ja erst an den Hof kommt, als die Katastrophe bereits ihrem Höhepunkt zusteuert. Vinzenz ahnt wenig und weiß nichts. Er ist jünger als Wally. Er war, wie alle im Dorf, der Meinung, am Stromingerhof eine intakte, heile Welt vorzufinden. Wally bewundert er und, als Strominger ihm zuerst die Stelle des Verwalters und dann seine Tochter anbietet, ist er davon überzeugt, die Chance seines Lebens zu bekommen. Die Hürde, Wally zu erobern, sieht er als sportliche Herausforderung und als männlichen Qualitätsnachweis Strominger gegenüber. Dennoch steht er ihr emotional näher, als sein Konkurrent Josef. Für Josef, als Ziehkind auch nicht vom Schicksal verwöhnt, ist Wally kein Thema. Was er nie hatte und deshalb sucht, sind geordnete Verhältnisse und eine terliche Frau. Der Kuß ist sowohl Rache für seine eben erst gefun-dene Schwester (endlich hat auch er ein bißchen Familie) als auch Rache dafür, daß sich die "großkopferte" Stromingertochter seiner bemächtigt und ihn bei den Leuten ins Gerede gebracht hat. Damit will er ein für alle Mal aufräumen. Erst als er Wally blamiert hat und erkennt, wie kaputt und verzweifelt verliebt Wally in ihn tatsächlich ist, sieht er, wie ähnlich heimatlos sie beide sind. Er aber fühlt sich durch Afra frisch von seiner Heimatlosigkeit erlöst (daher seine besondere Heiterkeit) und kann aus diesem Gefühl der Stärke heraus auf Wally's Liebe zu ihm reagieren. Ja, er fühlt sich vielleicht sogar geschmeichelt, daß er, der mittellose Jäger, schon lange der reichen Bauerntochter Traumboy war. Am Schluß des Stückes ist Josef im Himmelbett gelandet und alles scheint paletti, doch Wally erschrickt angesichts ihrer Zukunft als Ehefrau und Familienmutter bis in die Knochen. Vielleicht be-schließt sie bereits jetzt, jedes Jahr im Sommer für zwei Wochen auf den Gletscher zu flüchten, doch das ist ein anderes Stück.




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